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Mai
07

„Die Natur des Menschen ist es, auf der faulen Haut zu liegen“

Ein Soziologe zum Urlaub 2012
"Die Natur des Menschen ist es, auf der faulen Haut zu liegen"

Jedes Jahr im Frühjahr: Ferienplanung und Ferienfreude. Auch dieses Jahr werden wieder Rekorde aufgestellt. Trotz der Krise fahren die Deutschen weiterhin gerne in Urlaub. Egal, was kommt, der Urlaub soll ihnen trotz aller Unkenrufe keiner vermiesen. Warum das so ist, darüber haben wir mit dem Freiburger Soziologen Sacha Szabo gesprochen.

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Sommerzeit ist Urlaubszeit – wie verbringt ein Soziologe im Jahr 2012 die Ferien.

Sacha Szabo: Natürlich entspannt auch ein Soziologe. Das ist, so im Übrigen meine Auffassung, das zentrale Motiv des Urlaubs: nichts tun und in der Sonne liegen.

Urlaub bedeutet also auf der faulen Haut zu liegen?

Sacha Szabo: „Faule Haut“ klingt so abwertend. Tatsächlich ist die unmittelbare Erfahrung von Sonne, Sand und Meer auf der nackten Haut ein ursprüngliches Naturerlebnis, das durch zivilisatorische Akte oder -nennen wir es beim Namen – durch Kleidung gemindert wird. Der Mensch als natürliches Wesen, als Tier, hat nun ein Bedürfnis eben nach dieser Erfahrung.

Die Faulheit ist also die Natur des Menschen?

Sacha Szabo: Zugespitzt gesagt: ja! Aber wir müssen mitbedenken, dass es durch den Einfluss des Protestantismus auf unsere Freizeitgestaltung nicht gerngesehen wird, nicht zu tun, eigentlich soll man nur Dinge tun, die der Erbauung oder der Belehrung dienen. Der Protestantismus verabscheut unnütze Dinge, wie das Nichtstun. Aus diesem Grund wird Urlaub unter anderem als Lernexpedition verstanden unter dem allseits bekannten Motto: „Land und Leute kennenlernen“.

Das ist nicht ihr Ernst?

Sacha Szabo: Doch sehr wohl. Der Ursprung des Urlaubs liegt in der adligen Bildungsreise. Dieser Reise begriff wurde nun vom Bürgertum übernommen. In der Romantik kam noch die Aufwertung der Natur hinzu und voilà: Hier ist der moderne akzeptierte Urlaub. Ich muss sozusagen meine Auszeit legitimieren, indem ich irgendwelche Kirchen oder Grotten oder Bäume ansehe.

Bäume?

Sacha Szabo: Haben Sie noch nie darauf geachtet, in wie vielen Urlaubszielen Bäume als Sehenswürdigkeit angepriesen werden. Das ist doch das Eingeständnis von Kulturlosigkeit, wenn man ein massenhaft vorkommendes Ding wie einen Baum zur Sehenswürdigkeit erklärt und dann mit dem Bus hingekarrt wird. Im Übrigen ist gar nicht geklärt, ob die Einwohner überhaupt kennengelernt werden wollen. Also, ich will nicht ausgestellt werden und das unterstelle ich wiederum gerne anderen in Touristenorten ansässigen.

Trotzdem boomt auch der nachhaltige Tourismus.

Sacha Szabo: Der Tourismus lebte immer von der Dialektik, sich als exklusives Erleben zu inszenieren und doch ein Massenprodukt zu sein. Immer wird eine Destination von Urlaubspionieren ausgewählt, die, sobald Nachzügler dorthin reisen, den Ort abwerten. Man kennt ja die Geschichten à la „vor drei Jahren war das noch ein ganz verschlafenes Fischerdorf, aber jetzt …“. Tourismus ist immer ein Verteilungskampf um symbolisches Kapital.

Das heißt, Sie verwehren sich dieser Art von Urlaub?

Sacha Szabo: (lacht) Nein, natürlich funktionieren diese Mechanismen auch bei mir. Weshalb ich oft einen Tagesausflug buche, der mich zu den Sehenswürdigkeiten führt und natürlich sehe ich mir auch den jeweiligen berühmten Baum an und mache davon ein Foto, so dass ich beweisen kann, dass ich auch wirklich dort war.

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